Märchenprojekt - interkulturelles Projekt im Deutschunterricht


Projekt Märchenbuch . Ein schulformübergreifendes  interkulturelles Unterrichtsprojekt an der Kerschensteinerschule im Schuljahr 2017/2018

Einführung
Viele junge Menschen aus unterschiedlichen Kulturen sind in den letzten Jahren in Deutschland zugewandert, sei es, dass sie vor den Schrecknissen des Bürgerkrieges flohen, sei es, dass sie systematischen Menschenrechtsverletzungen zu entrinnen suchten, sei es, dass sie aus vielfältigen anderen Gründen aus EU-Staaten oder anderen Ländern zu uns kamen. Für sie hat das Land Hessen das Programm InteA (Integration durch Anschluss und Abschluss) ins Leben gerufen. Jugendliche ab 16 Jahren werden im Rahmen des Programmes in Intensivklassen an beruflichen Schulen bis zu zwei Jahren betreut. Vermittelt werden grundlegende Kenntnisse der deutschen Sprache verbunden mit einem berufsfeldbezogenen Fachsprachenerwerb, um den Zugang zu anderen Schulformen oder zur Berufs- und Ausbildungswelt zu ermöglichen. Weitere Unterstützung erfährt InteA durch ein sozialpädagogisches Angebot, welches durch das Hessische Ministerium für Soziales und Integration finanziert wird.

Dem aufmerksamen Beobachter des schulischen Alltags an der Kerschensteinerschule kann es nun nicht entgangen sein, dass die InteA-Schüler/innen wohl ein sehr vertrautes Verhältnis untereinander und zu ihren Lehrkräften und Sozialpädagogen aufgebaut haben, zu ihren Mitschülern/innen in aus  anderen Schulformen, die hier geboren wurden oder langjährig leben, aber kaum Kontakte unterhalten.

Wir, Deutschlehrer/innen aus den Bereichen InteA im Besonderen bzw. Berufsvorbereitung im Allgemeinen und Fachoberschule für Gestaltung, wollten in einem interkulturell angelegten Unterrichtsprojekt erkunden, wie sich diese für die Integration der jungen Zuwanderer so missliche Situation verbessern lässt.


Die Projektidee und das Projektziel
Die Idee war folgende: Schüler /innen aus dem Programm InteA und der Fachoberschule für Gestaltung sollten über länger Zeit im gemeinsamen Deutschunterricht zusammengeführt werden, um die Integration der jungen Zuwanderer in das Beziehungsnetz der Schülerschaft zu fördern und damit letztlich einen kleinen, bescheidenen Beitrag für deren längerfristige Eingliederung in unsere Gesellschaft zu leisten.

Die Befassung mit Märchen schien der geeignete Unterrichtsgegenstand für ein Projekt zu sein, das schon auf Grund der Internationalität der Beteiligten interkulturell angelegt sein musste. Märchen sind in allen Kulturen der Welt verbreitet. Ihre Motive und Struktureinheiten gleichen sich über die Kulturen hinweg in erstaunlicher Weise. Jenseits unterschiedlicher Erzähltraditionen und kulturbedingter Einfärbungen tragen Märchen den Charakter von Universalien, sind verbindendes Kulturerbe der ganzen Menschheit.

Angesichts der Ausgangssituation und der höchst unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Projektteilnehmer sollte nicht die theoretische Auseinandersetzung mit Märchentexten im Vordergrund stehen, sondern der kommunikative Austausch und das gemeinsame schöpferische Tun, welches zu einem greifbaren, anschaulichen Produkt führt.
Geeignet hierfür schien ein von den Schülern/innen selbst gestaltetes Märchenbuch, in dem ihre im interkulturellen Austausch hergestellten Märchen versammelt werden sollten.


Die Rahmendaten des Projekts
Das Projekt wurde im Zeitraum zwischen den Herbst- und Weihnachtsferien durchgeführt. Der zeitliche Umfang betrug 20 Unterrichtsstunden. Teilgenommen haben die Klassen FOS 11 G1 und FOS 11 G2 der Fachoberschule für Gestaltung und die Klassen InteA1 und InteA2.

Die Klassenstärke der FOS-Klassen betrug 20 Personen, die der InteA-Klassen 15 Personen, so dass die Gesamtteilnehmerzahl am Projekt sich auf 70 Personen belief. Betreut wurden die Schüler/innen von den Deutschlehrerinnen der vier Klassen: Frau Brinskelle, Frau Hoert, Frau Sondermann und Frau Woll.
In einem mehrstufigen Prozess wurden feste Arbeitsgruppen gebildet, die von den Lehrkräfteteams, die aus je einer InteA- und FOS-Lehrerin bestanden, betreut wurden. Alle Arbeitsgruppen und Lehrkräfteteams standen während des gesamten Projekts in ständigem Austausch.


Der Projektverlauf
Nach einer Vorstellungsrunde im Plenum erhielten die Arbeitsgruppen zur gemeinsamen Lektüre so bekannte Märchen wie „Der Wolf und die sieben Geißlein“ oder „Rotkäppchen“ etc. Die FOS-Schüler/innen in der Arbeitsgruppe hatten als Aufgabe, bei Verständnisproblemen Hilfestellung zu leisten. Nach der Lektüre sollten sich die Gruppenmitglieder über ihre Märchenerfahrungen austauschen. Ergebnis in allen Arbeitsgruppen war das nämliche, das bereits unter dem Punkt Projektidee geschildert wurde.

Im nächsten Schritt hatten die Arbeitsgruppen anhand vorgegebener Struktur- und Formkriterien ein eigenes Märchen zu verfassen. Anschließend ging es darum, eine kreative Präsentationsform für das Märchen zu entwickeln. Auf diese Weise entstanden als Handlungsprodukte 14 Märchen, die in der Abschlussveranstaltung dem Plenum der Projektteilnehmer vorgestellt wurden.

Zur Gestaltung eines Märchenbuchs kam es aus Zeitnot leider nicht mehr. Frau Woll will mit der FOS 11 G2 aber im Verlauf des zweiten Halbjahres für die gestalterische Umsetzung der Märchentexte sorgen.


Die Reflexion des Projekts
Die Projekterfahrung an sich möchten alle Beteiligten, Lehrkräfte wie Schüler/Schülerinnen, nicht missen. Die Befürchtungen, dass Berührungsängste und Vorurteile zwischen den Schülern/Schülerinnen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu Problemen führen könnten, haben sich als unbegründet erwiesen. Den sozialen Kontakten, die zwischen den InteA-Schülern/innen und den FOS-Schülern/Innen geknüpft wurden, hätte man dennoch etwas mehr Nachhaltigkeit gewünscht. Erzwingen lässt sich auf diesem sensiblen Felde jedoch nichts.
Die Märchenthematik als Unterrichtsgegenstand fand breiten Anklang und erwies sich als sehr anregend.
In den Arbeitsgruppen entstanden recht originelle Märchen, für deren Präsentation unterschiedliche Medien genutzt wurden.
Eine Arbeitsgruppe erstellte ein Daumenkino, eine andere schuf ein Hörspiel. Ein InteA-Schüler transponierte die Geschichte seiner Flucht in das von seiner Gruppe verfasste Märchen. Der interkulturelle Austausch über Märchen wurde als fruchtbar empfunden, die transkulturelle Identität der Märchenmotive als verbindendes Glied zwischen den Kulturen und den Individuen begriffen.


Die Fortentwicklung des Projektes
Ein Manko des Projektes war, dass der Zeitaufwand für jeden einzelnen Projektschritt sehr viel höher war als anfangs gedacht. Ein Ausweg könnte sein, das Projekt künftig als Projektwoche gegen Ende des Sommerhalbjahres durchzuführen. An die Stelle des Märchenbuchs könnte die Aufführung eines Märchenspiels treten, die beispielsweise von einem professionellen Schauspieler angeleitet wird. Das könnte vor allem einen zusätzlichen Motivationsschub freisetzen, nicht zuletzt auf Seiten der InteA-Schüler/innen. Schließlich könnte man das Verfassen der Märchentexte dem eigentlichen Projekt vorlagern und sich auf die theatralische Umsetzung beschränken.
Was die künftige Gestalt des Projektes angeht, steht also vieles noch in den Sternen. Eines scheint jedoch sicher: Fortsetzung folgt!

(Rüdiger Berger-Goetz)

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